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Schwerpunkt - Schafe und Ziegen


Das Waldschaf


Dr. Reiner Seibold, Obermarchenbach

Das Waldschaf

Das Waldschaf - Nachfolger des bayerischen Zaupelschafes - ist heutzutage nur wenigen Schafhaltern bekannt und erscheint erst seit 1987 im Bayerischen Herdbuch. Trotzdem handelt es sich hier um eine sehr alte und einst weit verbreitete Rasse. Um diese genauer zu charakterisieren, muß man etwas weiter in der Zuchtgeschichte zurückgehen.

Zuchtgeschichte

Studiert man die einschlägige Fachliteratur des 19. Jahrhunderts, dann trifft man immer wieder auf den Begriff "mischwolliges Landschaf". Diese Mischwolle tragende Gruppe von Schafrassen wird dem schlichtwolligen deutschen Landschaf oder deutschem Schaf schlechthin gegenübergestellt. In der Gruppe der mischwolligen Schafe wird unterschieden in die Zaupelschafe, das Hannover'sche Landschaf und das Pommer'sche Landschaf. Das Zaupelschaf dominierte im südlichen Teil Deutschlands, aber auch in angrenzenden Regionen in Mähren und Böhmen sowie im gesamten Alpenraum. Auf ein weiteres Vorkommen in Südungarn wird bereits bei MAY 1868 hingewiesen. Das Zaupelschaf wird in der Literatur als die gewöhnlichste aller Rassen bezeichnet und aufgrund seiner groben, filzigen Mischwolle verschmäht. MAY beschreibt das Zaupelschaf 1868 als "nicht groß ... Im Durschnitt ... - 70 Pfund ... Die nicht selten vorkommenden Hörner kurz und nach hinten außen und unten gebogen, die Ohren sind mittelmäßig lang und zugespitzt . . . Mit grober, stark glänzender Wolle . . . Unter den langen gröberen Haaren kommen auch Flaumhaare vor, die sich verfilzen . . . So wird sie jährlich 2 mal geschoren . . . Die größere Zahl der Tiere trägt weiße, die kleinere braune oder schwarze Wolle . . . Diese Tiere besitzen eine sehr kräftige Konstitution, können noch fortkommen auf nassem Boden und bei dem schlechtesten Weidegang (gewöhnlich gemeinschaftlich mit Schweinen) . . . Bei schlechter Winterfütterung suchen sie fast auch noch ihr Winterfutter unter dem Schnee auf; sie lammen gewöhnlich zum ersten Mal erst 1 Jahr alt, werfen häufig Zwillinge, lammen nicht selten im Jahr 2mal, . . ." Nach BOHM 1868 ist dieser Beschreibung noch hinzuzufügen " Der Kopf ist ziemlich klein, die Stirn flach und schmal, sie geht ohne merkliche Einbuchtung in das Nasenbein über. Dieses erscheint bei den männlichen Tieren, . . . ziemlich gewölbt, bei den weiblichen dagegen recht flach. Die Schnauze ist schmal und spitz . . . Die Ohren scharf trichterförmig zusammengerollt, schmal und spitz, haben aber keine aufrechte Richtung, sondern stehen in waagerechter Lage von dem Kopfe ab. Gehörnt sind in der Regel nur die Widder . . . Bei den weißfarbigen Tieren findet man oft eine schwarze Schnauze und mehr oder weniger regelmäßige schwarze Ringe um die Augen." Auch BOHM (1868) beschreibt die schlechten Haltungsbedingungen der Zaupelschafe, die im bäuerlichen Bereich meist nur in kleinen Gruppen gehalten wurden und zusammen mit Schweinen und Rindern zur Weide gingen. Hauptertragsziel war handspinnfähige Wolle für den Eigenbedarf. In der Zeit der aufkommenden Kammgarnspinnerei wurde die Mischwolle jedoch mehr und mehr abgelehnt. Dagegen wird die hohe Fruchtbarkeit mit 2-maliger Lammung pro Jahr sowie die enorme Widerstandsfähigkeit der genügsamen Tiere in der Literatur des 19. Jahrhunderts immer wieder hervorgehoben. Erste Erwähnung findet das Zaupelschaf im Jahre 1536 in einem Dekret von Herzog Ulrich von Württemberg. Er verbietet bei Strafe die Haltung von Zaupelschafen und befürwortet die Einführung flämischer Schafe. Daraus entwickelte sich dann das bereits erwähnte schlichtwollige deutsche Schaf, das weite Verbreitung fand, insbesondere in Mitteldeutschland. Es kam in zahlreichen Untertypen und Farbvarianten vor. Die heute am ursprünglichsten erhaltenen Rassen dieser Richtung sind das Rhönschaf sowie das Coburger Fuchsschaf und das alte Leineschaf, die bereits im 19. Jahrhundert als besondere Schläge des schlichtwolligen deutschen Landschafs erwähnt werden. Das Zaupelschaf wurde bereits damals vom schlichtwolligen deutschen Schaf mehr und mehr verdrängt. Nach MAY waren im Jahre 1863 in Bayern noch 207 993 Zaupelschafe vorhanden, das entspricht einem Anteil von 10,1 % des Gesamtbestandes. 1912 existierten dann noch 4,57 %. GOLF erwähnt 1939 das Zaupelschaf als in Bayern nur noch in den Moor- und Gebirgsgegenden Ober- und Niederbayerns vorkommend. Letzte Erwähnung findet es in der Literatur im Jahre 1941 bei BORODAJKEWYEZ. Er beschreibt Restbestände im Mühlviertel und im angrenzenden Böhmen. Auch heute noch kann man in Niederbayern bei den älteren Generationen Bauern finden, die den Begriff Zaupelschaf kennen. Bereits im Jahr 1890 wird in einer Denkschrift des Landwirtschaftlichen Vereins die Situation in Niederbayern folgendermaßen beschrieben: "Die bäuerlichen Züchter befassen sich mehr mit der Zucht des gewöhnlichen Zaupelschafes, des Waldler- oder Steinschafes . . .". Es wird also bei deutlich zurückgehenden Beständen des Zaupelschafes bereits regional unterschieden in die Gruppe des Bayerischen Waldes, das Waldlerschaf, und in eine mehr alpine Form, das Steinschaf. Dieser Begriff setzt sich dann im Alpenraum mehr und mehr durch. Das Wort Steinschaf wird aber auch immer wieder in Niederbayern, besonders im angrenzenden Mühlviertel und sogar in Niederösterreich verwendet. In der späteren Literatur findet das Zaupelschaf keine Erwähnung mehr, es gilt als ausgestorben bzw. wird schlichtweg vergessen.

In den 40er und 50er Jahren begann Professor B. Cumlivski in Böhmen mit einer systematischen züchterischen Bearbeitung von Zaupelschaf-Restbeständen des Böhmerwaldes. Ohne Einkreuzungen, jedoch mit intensiver Selektion auf zunehmende Wollqualität und Wollertrag wurde ein umfangreicher Bestand von 25 000 Mutterschafen aufgebaut, der unter dem Namen Sumavaschaf (Böhmerwaldschaf) zur Staatsrasse erhoben wurde. In den frühen 60er Jahren begann Professor Imre Bodó in Ungarn ebenfalls Restbestände des sogenannten Ziktaschafes in Südungarn aufzukaufen. Hier handelte es sich um Zaupelschafe, die im Jahre 1723 mit schwäbischen Aussiedlern aus der Grafschaft Limpurg ins ungarische Donaukomitat kamen. In der kulturellen Enklave haben sich die Schafe bis in die heutige Zeit erhalten und die letzten Restbestände wurden nun zu einer staatlichen Genreserveherde aufgebaut. Leider wurden im Bereich des Bayerischen Waldes erst sehr spät Erhaltungsmaßnahmen von Zaupelschaf-Restbeständen eingeleitet. Ein staatlich subventionierter Zuchtversuch mit Waldschafen im Jahr 1976 wurde leider nicht weitergeführt. Erst Ende der 80er Jahre wurde dann aus den letzten Restbeständen im Bayerischen Wald eine neue Population aufgebaut.

Die oben ausführlich dargestellte Zuchtgeschichte legt die Vermutung nahe, daß es sich bei den Rassen Waldschaf, Böhmerwaldschaf, Zitkaschaf und Steinschaf um Restpopulationen des Zaupelschafs handelt. Diese Annahme wird durch die äußerliche Ähnlichkeit mit den Beschreibungen des Zaupelschafs im 19. Jahrhundert unterstützt. Hier muß jedoch berücksichtigt werden, daß das Zaupelschaf nie züchterisch bearbeitet wurde und es schon in früheren Zeiten zu mehr oder weniger planlosen Einkreuzungen kam. Das schlichtwollige deutsche Landschaf verdrängte das Zaupelschaf bereits im 19. Jahrhundert und wurde sicher des öfteren mit eingekreuzt, ebenso wie später dann Merinolandschafe in Bayern, Kammwollmerinos in Ungarn und in der Tschechoslowakei sowie das Bergamaskerschaf im gesamten Alpenraum. Heute gilt es nun, die letzten Restbestände zu erhalten und die Population weiter auszubauen. Hierbei wird ein möglichst ursprünglicher, dem Zaupelschaf entsprechender Typ angestrebt mit den Schwerpunkten Waldschaf (Mittelgebirgsregion) und Steinschaf (Alpenraum).

Derzeitige Situation

Die Waldschafzucht hat in Bayern einen erfreulichen Aufschwung genommen. In Kürze werden wohl 10 Herdbuchzüchter zu registrieren sein mit ca. 150 im Zuchtbuch eingetragenen Mutterschafen. Parallel dazu wurde im Bereich der Landeshauptstadt München bereits eine 50-kopfstarke Genreserveherde aufgebaut. Das Steinschaf im Bereich der bayerischen Alpen existiert nur noch in ganz geringer Stückzahl. Hier ist noch viel Pionierarbeit notwendig. Das Böhmerwaldschaf wurde, wie bereits erwähnt, zu einer großen Population ausgebaut. Diese schwindet derzeit jedoch rapide dahin aufgrund der wirtschaftlichen Umstrukturierungen in der CSFR. Das Sumavaschaf dürfte in kurzer Zeit wiederum als bedroht gelten. Im Falle des Ziktaschafes in Ungarn bleibt zu hoffen, daß die staatliche Genreserveherde auch in Zukunft erhalten werden kann. Die Restbestände im Mühlviertel sind noch nicht vollständig erfaßt.

1960 wurde in Bayern eine Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung von Waldschaf und Steinschaf gegründet, die eine intensivere Zusammenarbeit der Züchter ermöglichen soll. Einer international übergeordneten Koordination der Haltungsmaßnahmen wird sich in Zukunft die Donauländerallianz für Genreserven (DAGENE) widmen.

1991 war das Waldschaf erstmals auf der Grünen Woche im Rahmen der Sonderschau gefährdeter Nutztierrassen zu sehen. Am 13.10.1991 fand dann die erste Waldschafprämierung in Massing/Niederbayern statt.

Der derzeitige Bestand in Bayern umfaßt über 200 Mutterschafe mit 8 verschiedenen bayerischen Bocklinien. Dazu kommen weitere 3 Bocklinien aus Böhmen. 1988 wurde durch einen Import von 20 Zuchtschafen aus der CSFR versucht, die sehr blutenge bayerische Population genetisch zu erweitern.

1991 wurden an 120 bayerischen und böhmischen Waldschafen Untersuchungen des Blutgruppen- und Serumproteinpolimorphismus durchgeführt. Diese Untersuchungen haben gezeigt, daß sich die Rassen Zikta-, Wald- und Böhmerwaldschaf genetisch sehr nahestehen. Sie zeigen deutliche Gemeinsamkeiten und lassen sich von anderen Rassen, insbesondere von Merino- und Zackelschafen deutlich abgrenzen. Innerhalb der Population des bayerischen Waldschafes lassen sich jedoch 2 Untertypen unterscheiden, ein größerer mehr schlichtwolliger Typ sowie ein kleinerer mischwolliger Typ. Letzterer ist mit den untersuchten böhmichen Tieren weitgehend genetisch identisch.

Zuchtzielbeschreibung

Die vom Arbeitskreis aktualisierte Zuchtzielbeschreibung nennt ein kleines bis mittelgroßes, meist weißes Schaf. Es kommen auch braune und schwarze Tiere vor. Das Vlies muß einfarbig sein, die unbewollten Regionen können gescheckt sein. Überwiegend ist das Waldschaf mischwollig. Das Kopfprofil ist gerade und das Nasenbein ist beim männlichen Tier leicht gebogen. Die Ohren stehen waagerecht bzw. leicht hängend ab. Die Tiere sind feingliedrig mit sehr harten Klauen. Die männlichen Tiere sind häufig gehörnt.

Leistungsangaben

Die Tiere sind anspruchslos und futterdankbar. Sie lassen sich auch unter ungünstigen Witterungsbedingungen halten. Hervorstechendes Merkmal ist die große Fruchtbarkeit. Zwillingslammungen sind die Regel. Die erste Lammung ist meist mit 13 Monaten. Die meisten Tiere lammen 2mal jährlich. Die Fruchtbarkeit liegt je nach Haltungsbedingungen bei durchschnittlich 180 - 200 %. Die Muttertiere verfügen über eine gute Milchleistung mit entsprechend hoher Aufzuchtrate der Lämmer. Die Böcke erreichen ein Lebendgewicht von 60 bis 70 kg, Muttertiere 40 - 55 kg. Die Mastleistung der Lämmer liegt bei 180 bis 200 g tägliche Zunahme. Dies wird jedoch ohne jede Kraftfutterzugabe erreicht. Die Fütterung der Muttertiere erfolgt ebenso vorzugsweise extensiv. Das Vliesgewicht erreicht 3,5 kg bei Altböcken und 3,0 kg bei Muttertieren.

Zukunftsaussichten

Das Waldschaf ist bei der jetzigen Populationsgröße nach wie vor als sehr gefährdet einzustufen. Eine weitere Vergrößerung des Bestandes ist dringend notwendig. Die Förderungsmaßnahmen des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Form einer jährlichen Haltungsprämie von DM 40,- pro Herdbuchmutter stellen hierfür einen guten Anreiz dar. Die derzeitige Anzahl der Muttertiere erlaubt keine allzu strenge Selektion. Die genetische Streubreite dieser züchterisch nie bearbeiteten Rasse ist verständlicherweise sehr groß. Dazu kommen noch frühere Einkreuzungseinflüsse. Es ist eine schwierige Aufgabe für die Zukunft, einerseits die genetische Streubreite und damit Anpassungsfähigkeit der alten Rasse zu erhalten, andererseits das äußerliche Bild zu vereinheitlichen. Hierbei muß eindringlich vor zu strengen Selektionskriterien gewarnt werden. Intensive Selektion ist jedoch sicher bei den Vatertieren möglich und notwendig. Es wäre wünschenswert, eine möglichst große Zahl von Vatertieren und dazugehörigen Nachkommen zu produzieren, um dann genügend Selektionsmaterial zu besitzen. Dies ist in erster Linie eine Herausforderung für die Herdbuchzüchter. Eine weitere Hilfe bei der Erhaltung des Waldschafes stellt der Aufbau der erwähnten Genreserve im Bereich der Stadt München dar sowie die bereits erfolgte Anlage von Spermadepots.

Das Waldschaf ist, wie ehedem das Zaupelschaf, eine robuste extensive Landrasse mit sehr ruhigem Charakter, die sicher nicht mit den modernen Hochleistungsrassen konkurrieren kann und darf. Seine Stärke liegt in der Genügsamkeit einerseits und in der hohen Fruchtbarkeit und Asaisonalität andererseits. Damit ist es nicht nur für extensive Landschaftspflege geeignet, sondern auch zur kontinuierlichen Lämmerproduktion. Kombiniert man die guten Muttereigenschaften und die hohe Fruchtbarkeit des Waldschafes mit der Zuwachsrate einer Fleischrasse, so läßt sich im Rahmen einer Gebrauchskreuzung in der Lämmerproduktion durchaus auch ein wirtschaftlicher Erfolg erreichen.

Auf internationaler Ebene besteht inzwischen eine gute Zusammenarbeit mit Österreich und Tschechien, wo ebenfalls Restbestände dieser Schafrasse zu finden sind. Durch die wirtschaftlichen Umstrukturierungen in Tschechien ist das Böhmische Waldschaf jedoch stark vom Aussterben bedroht.

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