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Schwerpunkt - Schafe und Ziegen


Landschaftspflege mit Schafen und Ziegen


Gerd Bauschmann, Wetzlar

Landschaftspflege contra Brache

Eines der Hauptprobleme im Naturschutz ist die Polarisierung in der Landwirtschaft. Während manche Flächen immer intensiver bewirtschaftet werden, werden andere stillgelegt, verbrachen, verbuschen und werden schließlich zu Wald. Insbesondere die mageren, für den Naturschutz wertvollen Flächen, gehen so verloren. Magere Grünländer, z.B. Halbtrockenrasen, Wacholderheiden oder Borstgrasrasen, gehören heute schon zu den stark bedrohten Lebensräumen.

Zur Offenhaltung solcher sensiblen Bereiche werden als Landschaftspflegemaßnahmen Mähen, Mulchen, kontrolliertes Brennen und Beweidung diskutiert. Feuer scheidet von vornherein aus, da durch unsachgemäße Anwendung auch angrenzende Flächen in Mitleidenschaft gezogen werden können. Auch Mulchen ist nicht geeignet, da dabei die Biomasse auf der Fläche bleibt und zusammen mit Immissionen, z.B. in Form von Stickoxyden, eine Eutrophierung des Grünlandes bewirkt. Längerfristig haben dann nur noch stickstoffliebende und schattentolerante Pflanzen Überlebenschancen.

Was bleibt, sind die historischen Wirtschaftsformen Mähen und Beweiden. Da einerseits die landwirtschaftlichen Großmaschinen kaum auf Extremstandorten agieren können, andererseits die Mahd per Hand viel zu mühsam ist, nutzen heute kaum noch Landwirte Magerrasen oder Bortsgrasrasen als Heuwiesen. Um die Pflege trotzdem zu gewährleisten, werden Pflegefirmen mit Spezialmaschinen beauftragt, die Mahd durchzuführen. Diese Unternehmen haben jedoch keine Möglichkeit, das Gras oder Heu sinnvoll zu verwerten und müssen daher das Schnittgut abtransportieren und entsorgen. Wertvolles Futter wandert in die Deponie.

Um das Grünland einerseits naturschonend, andererseits wirtschaftlich sinnvoll zu nutzen, stellt die Beweidung die einzige ernstzunehmende Alternative zur Mahd dar. Insbesondere die alten, genügsamen, bodenständigen Haustierrassen können hier wieder zum Einsatz kommen. Allerdimgs sollte, wo die Pflege von Grünland noch über die Heugewinnung durch Landwirte gewährleistet ist, diese Nutzungsform nicht verdrängt werden. Mahd und Beweidung können sich auf kleinparzellierten Pflegeflächen effektiv ergänzen.

Mähen oder Beweiden

In ihrer Wirkung auf den Boden, die Pflanzen und Tiere unterscheidet sich Mahd und Beweidung grundlegend. Insbesondere die Faktoren Verbiß, Tritt und Exkremente wirken sich bei der Beweidung auf das Ökosystem aus.

Während die Mahd durch ihre einheitliche Wirkung ein ausgeglichenes Konkurrenzverhältnis zwischen den Pflanzen schafft, werden durch Viehverbiß manche Arten bevorzugt gefressen und damit dezimiert, andere kaum oder nie verbissen und somit gefördert. Zu den gemiedenen Pflanzen gehören solche mit Stacheln, Dornen und starker Behaarung, starkriechende Arten und Pflanzen, die dem Boden so eng anliegen, daß sie sich dem Fraß entziehen können. Insbesondere Pferde, aber auch Rinder haben ein enges Futteraufnahmespektrum, während Schafe und Ziegen deutlich mehr Pflanzenarten fressen.

Auch durch die Faktoren Tritt und Kot bilden sich kleinräumliche Unterschiede aus, während die Mahd nivellierend eingreift. So ist die Bodenverdichtung unter Maschineneinfluß gleichmäßig, während Weidetiere oft bestimmte Pfade einhalten, auf denen die Verdichtung, aber auch die Vegetationsnarbenzersörung besonders wirksam wird. Große Weidetiere, wie Rinder und insbesondere Pferde, wirken allein wegen ihres Gewichtes schädigend, während die Trittwirkung von Ziegen und Schafen eher schonend ist.

Die Kotabgabe an regelrechten 'Toiletten' führt zu einer differenzierten Nährstoffverteilung, während bei der Mahd keine räumlichen Unterschiede erkennbar sind. Kotstellen sind außerdem eine Bereicherung für die Tierwelt: Zahlreiche kotfressende Insekten, wie z.B. Mistkäfer, Dungkäfer, Dungfliegen, sind auf die Exkremente von Weidetieren angewiesen. Diese Insekten stellen ihrerseits wieder Nahrungsquelle für Vögel und andere Wirbeltiere dar.

Die von vielen Kritikern der Beweidung geäußerte Vermutung, die Tiere würden zu einer Eutrophierung der Flächen beitragen, muß differenziert gesehen werden. Wiederkäuer exportieren nur einen geringen Teil des mit dem Weidefutter aufgenommenen Stickstoffs über Fleisch, Milch oder Wolle von der Fläche und scheiden 75 - 96 % wieder aus. Etwa 80% davon befindet sich, größtenteils als Harnstoff im Urin, der Rest im Kot.

Bei einer Standweide werden diese Anteile dem Grünland wieder zugeführt, bei täglichem Weideabtrieb zumindest teilweise von der Fläche entfernt. Dies bedeutet jedoch auch bei Standweide nicht, daß dort eine Stickstoffanreicherung stattfindet, sondern lediglich, daß die Entzüge geringer sind als bei Schnittnutzung, bei der der in den Pflanzen enthaltene Stickstoff mit dem Grünfutter oder Heu abtransportiert wird. Ein Problem ergibt sich allerdings bei zusätzlicher Stickstoffzufuhr auf die Fläche. Daher sollte bei der Nutzung von Magerstandorten die Stickstoff-Düngung völlig unterbleiben, da die eingetragene Luftstickstoff-Menge heutzutage schon höher ist, als die Düngergaben, die unsere Vorfahren auf die Flächen brachten. Auch eine Zusatzfütterung ist zu unterlassen.

Ein weiteres Argument spricht für die Beweidung: Bei der Heunutzung, die sich bei historischer Sensenmahd immerhin über mehrere Wochen hinzog, wird heutzutage innerhalb weniger Tage eine große Fläche gemäht und damit z.B. das Blütenangebot für Insekten um 100% reduziert. Die Beweidung erfolgt über größere Zeiträume, so daß ein zeitliches und räumliches Nebeneinander von bereits beweideten Flächen ein strukturreiches Mosaik bildet.

Durch die mechanische Einwirkung moderner Mähgeräte werden zahlreiche Tiere getötet, die bei historischer Sensenmahd oder bei der Beweidung überleben würden. Hier ist nicht nur an Jungwild oder Bodenbrüter unter den Vögeln zu denken, sondern insbesondere auch an die zahlreichen Insekten. Auf diese übt ein moderner Kreiselmäher eine regelrechte Sogwirkung aus und zerstört somit auch solche Individuen, die sich natürlichen Feinden gegenüber durch Fallenlassen entziehen würden. Auch die Bauten von Insekten, z.B. die Hügel der Wiesen- und Rasenameisen, werden bei der Mahd fast vollständig zerstört, bei einer Beweidung jedoch von Vegetation befreit und regelrecht aus der Weide herausmodelliert. Sogenannte 'Buckelweiden' oder 'Buckelraine' entstehen. Sekundär haben diese Ameisenhügel auch wieder Einfluß auf die Bestände anderer Arten, z.B. der Ameisenbläulinge, deren Larven in den Nestern leben, oder der Erdspechte und des Wendehalses, die sich hauptsächlich von Ameisenlarven- und Puppen ernähren.

Schafe und Ziegen als Landschaftspfleger

Schafe benutzen zum Festhalten des Futters nicht die Zunge, sondern die sehr beweglichen und zum Greifen geeigneten Lippen. Das ist auch die Ursache für das besonders feine Selektionsverhalten und auch für den relativ tiefen Abbiß. Die Schafe reißen das Gras durch Festhalten der Pflanzen zwischen den unteren Schneidezähnen und der oberen Dentalplatte ab, jedoch mit deutlich kräftigerem Ruck als die Rinder. Die tägliche Futteraufnahmemenge liegt zwischen 2 und 3,5 kg Futter-Trockenmasse, sie korreliert eng mit dem Lebendgewicht der Tiere.

In der Schafhaltung gibt es mehrere Betriebsformen:

Von diesen sind Standweide, bei der die Tiere die ganze Weideperiode über auf der gleichen Fläche bleiben, was zuerst zu Unter-, später zu Überbeweidung führt, und Stallhaltung nicht für die Landschaftspflege geeignet.

Wanderschäferei und standortgebundene Hütehaltung erfordern große Herden und somit auch große Flächen. In Gebieten mit kleinparzellierten Grundstücken, in denen manche Besitzer noch Mahd betreiben, kann diese Form der Beweidung zumindest im Frühjahr und Sommer zu Konflikten führen. Eine Nachbeweidung im Herbst hingegen dürfte unproblematisch sein.

In folgenden Fällen ist es sogar sinnvoll, Schafe nicht zu hüten, sondern zu koppeln:

Auf alle Fälle sollte aber vorher die Pflanzengesellschaften ermittelt werden. Je mehr Magerkeitsanzeiger vorhanden sind, umso eher sollte man von einer Koppelhaltung Abstand nehmen.

In ihrem Freßverhalten sind Ziegen den Schafen ähnlich, die Futteraufnahme je Tier beträgt etwa 2,3 kg Futter-Trockenmasse, wobei Milchziegen deutlich mehr Futter aufnehmen als Fleischziegen. Sie fressen aber auch Baumlaub und erheben sich dazu auf ihre Hinterbeine und drücken mit den Vorderbeinen die erreichbaren Äste herunter, um die Blätter abfressen zu können.

Die häufigste Haltungsform ist die Stallhaltung, wobei die Tiere durchaus einen täglichen Auslauf erhalten können. Dieser erfolgt entweder in einer Koppel oder durch 'Tüdern', bei dem die Ziege mit Halsband und langer Leine oder Kette fixiert wird und im Umkreis um den Anbindepunkt ihr Grünland abweiden kann. Am Abend kommen die Tiere wieder in den Stall.

Fleischziegen können auch das ganze Sommerhalbjahr auf der Weide bleiben, wobei sie gegen Wind und Regen empfindlicher sind als Schafe. Auch Mutterziegen mit Lämmern kann man - entsprechend der Mutterkuhhaltung - auch nachts auf der Weide lassen, sofern das Wetter dies zuläßt. Für die Landschaftspflege dürfte dies die geeignetste Haltungsform sein.

Ziegen haben sich bei der Pflege von verbuschten Magerrasen und Sukzessionsflächen bestens bewährt. Sie können bei der Beweidung von Streuobstwiesen an den Obstbäumen jedoch große Schäden anrichten. Wenn nicht alle Obstbäume der zu beweidenden Flächen einzeln geschützt werden können, sollte ein transportabler Stammschutz aus durch Draht zusammengehaltenen Brettern eingesetzt werden, der bei jedem Umtrieb von der abgeweideten Fläche zur neuen Weide mitgenommen und dort um die Bäume gelegt wird.

Schlußbemerkung

Schafe und Ziegen eignen sich wegen ihrer schonenden Trittwirkung, dem breiten Futteraufnahmespektrum und dem stark selektierenden Freßverhalten vorzüglich für den Einsatz in der Landschaftspflege. Insbesondere die alten, bodenständigen Rassen können hier wieder zum Einsatz kommen, die unsere Landschaft zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Diese Verbundenheit mit einer Region oder einem Lebensraumtyp äußert sich oft schon im Namen wie Heidschnucke, Moorschnucke, Rhönschaf, Pommersches Landschaf oder Bergschaf.

Schafe und Ziegen sollten allerdings nicht als alleiniges 'Landschaftspflegeinstrument' angesehen werden. Unser Interesse sollte daher immer wieder der historischen Nutzung gelten. Wo traditionell gemäht wurde oder wo Rinderhaltung die Vegetation geprägt hat, sollte man diesen Nutzungen in extensiver Form Vorrang geben. Nicht Schaf- und Ziegenbeweidung um jeden Preis, sondern Vielfalt in der Nutzung sollte oberstes Gebot sein! Erst dann kann sich auch wieder eine reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt einfinden.


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