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Schwerpunkt - Rinder


Das Vogtländische Rotvieh


Bernd Müller, Landwüst

Das Vogtländische Rotvieh

Ihr vogtländischen Züchter der höheren Lagen, erhaltet euer kleines, schönes Rind. Macht es durch Zucht und Aufzucht größer und leistungsfähiger. Wenn nicht - dann vernichtet Ihr undankbar ein treffliches Naturgeschenk, das ihr in gleicher Genügsamkeit und Anpassung an die vogtländische Scholle nie wieder schaffen könnt.' So schrieb vor 69 Jahren eine landwirtschaftliche Fachzeitung, die 'Sächsische Landwirtschaftszeitung', über das vogtländische Rotvieh.

So, wie das Vogtland durch seine Schönheit bekannt war und ist, so war das vogtländische Rotvieh ein Teil seiner Schönheit. Viele Reisende, Wanderer und Leute vom Fach, ergötzten sich an den weidenden Rotviehherden im oberen und unteren Vogtland. Das vogtländische Rotvieh gehört zum Vogtland, ähnlich wie die Musikinstrumentenindustrie zu seinem 'Musikwinkel' gehört.

Im 18. Jahrhundert tauchte erstmals der Begriff 'Vogtländisches Rotvieh 'in der Literatur auf. Das vogtländische Rotvieh wurde ähnlich wie andere Höhenviehschläge aus dem seit dem Mittelalter in ganz Europa verbreiteten roten Landvieh herausgezüchtet. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts schrumpfte allmählich die Population des vogtländischen Rotviehs. Ursache dafür war die Verdrängung des Rotviehs durch Fleckvieh und Niederungsvieh. Diese Entwicklung wurde durch ein Einfuhrförderungsprogramm der sächsischen Staatsregierung von 1852 ausgelöst. Für Kühe und Kalben bekamen die Bauern 200 Taler und für Bullenkälber 400 Taler Zuschuß. Damit begann eine wilde, planlose Einkreuzung von Tieren aus verschiedenen Regionen Deutschlands und die charakteristischen Eigenschaften der bodenständigen Rasse ging verloren. Der Bestand von 17 000 Tieren am Ende des 19. Jahrhunderts verringerte sich bis in die 30er Jahre des 20. Jahhunderts auf 200 Tiere.

In Leistungsvergleichen zwischen der angestammten Rasse und den eingeführten, anspruchsvollen Rassen wurde aber sehr bald deutlich, daß eine Akklimatisierung der Importrassen nur sehr zögerlich und mit erheblichen Leistungsdepressionen einherging. Den Platzvorteil einer Landrasse erkannten bald einige Bauern und Züchter. 1897 übernahm Dr. Kiepl, der zuständige Tierzuchtinspektor die Initiative. Er gründete mit den noch wenigen Rotviehzüchtern einen Herdbuchverein für das Vogtländische Rotvieh. Dieses Herdbuch war das erste in Sachsen. Damit war der Neubeginn in der vogtländischen Rotviehzucht gegeben.

Mit der organisierten Zucht innerhalb des Herdbuches verbesserte sich allmählich das Leistungspotential des vogtländischen Rotviehs. Um bessere Leistungsvergleiche und damit Selektionskriterien zu erhalten, wurde 1904 der Vogtländische Milchkontrollverein gegründet. Bei der ersten Jahresprüfung wurden 77 Herdbuchkühe auf ihre Milchleistung verglichen. Die Prüfung ergab eine Durchschnittsleistung von 3 000 kg Milch bei 3,5% bis 5% Fett, für die damalige Zeit sehr beachtlich. Das vogtländische Rotvieh als typisches Dreinutzungsrind (Zugkraft, Milch, Fleisch) bewies sein Leistungspotential in Richtung Milch, trotz intensiver Nutzung als Spannvieh.

Um 1910 betrug der Anteil des vogtländischen Rotviehs am Gesamtrinderbestand im Vogtland 10-15%. Der Kampf um das typische Rind des Vogtlandes war damit aber nicht zu Ende. 1935 wurde das gesamte Vogtland zum Fleckviehzuchtgebiet erklärt, so daß der Vogtländer Herdbuchzuchtverein nicht mehr staatlich anerkannt wurde. Das Herdbuch wurde von Plauen aus in privater Hand weitergeführt. Es gab nur noch drei wesentliche Züchtergruppen: die im Gebiet um Treuen, mit dem größten Tierbestand, und die im Gebiet um Adorf und Grünlengenfeld. Nach dem Kriege, in den Jahren 1946 bis Ende der 60er Jahre, begann ein erneuter Aufschwung für das vogtländische Rotvieh. Der Herdbuchverein wurde neu gegründet und die Tierzahl wuchs auf 600 Stück an. In Leistungsvergleichen aus den 60er Jahren brachten es die 'roten Vogtländer' auf Durchschnittsleistungen um 4 000 kg Milch bei über 4% Fett.

Mit dem Ende der 60er Jahre begann eine neue Ära in der DDR-Landwirtschaft. Die Zentralisierung der Tierzucht wurde perfektioniert. Es sollte für das gesamte Gebiet der DDR nur noch eine Rinderrasse zum Einsatz kommen. Die Neuzüchtung nannte sich 'Schwarzbuntes Milchrind der DDR.' Alle anderen Landrassen wurden per Zuchtprogramm von der Zucht ausgeschlossen.

In einem Schreiben von 1971 eines Tierzuchtprofessors der Universität Jena, der damals federführend bei der Erstellung des zentralen Zuchtprogramms war, heißt es:'Unter unseren Bedingungen kommt außerdem der Gesichtspunkt der wissenschaftlich-technischen Revolution und der damit verbundene. Aufbau der industriemäßigen Produktion und die dadurch bedingte Zuchtorganisation noch hinzu. Im Ergebnis der Realisierung dieser objektiven Erfordernisse wurden vor Jahren die Rassen Deutsches Gelbvieh und Deutsches Rotvieh zu einer Rasse vereinigt...'. 'Wenn die langjährigen Rotviehzüchter ihre Kühe mit Sperma von jerseyblütigen DF-Bullen besamen, ... werden diese Züchter an den Nachkommen ihrer Rotviehkühe zumindest genausoviel, wenn nicht noch mehr Freude als bisher haben.'

Mit dieser per Gesetz beschlossenen Reglemetierung gab es für die vogtländischen Rotviehzüchter kaum noch Existenzchancen. Mit einem 1969 gegründeten Betriebsherdbuch versuchte die LPG 'Vogtländer' in Hartmannsgrün-Pfaffengrün den letzten einheitlichen Bestand an Rotvieh zu retten. Aber dies ging nur befristet, da keine Zuchtbullen mehr aufgezogen werden durften und somit die männliche Grundlage fehlte. Der Bestand der letzten reinerbigen Rotviehkühe verschwand mit dem Alter dieser Kühe. Nur in privater Haltung überdauerten einige Tiere und deren Nachkommen, die aber natürlich Blut anderer Rassen führten.

1989 begannen Mitarbeiter des Vogtländischen Bauernmuseums sich mit der Geschichte der Rasse und ihrem Verbleib zu beschäftigen. Sie entdeckten zuerst drei Züchter, die noch in ihrer Privathaltung Tiere mit Genanteilen zwischen 10-50% des vogtländischen Rotviehs hatten. Später machten sie noch eine Kuh mit 100% Rotviehblut ausfindig. Auf der Grundlage von 6 Altkühen mit o.g. Genanteilen und dem Einsatz von Bullensperma der Rasse Vogelsberger und Harzer Rotvieh (sehr verwandte Rassen) wurde bis heute eine Tiergruppe von 40 Tieren aufgebaut.

Mit der Gründung des Vereins 1991 begannen die verbliebenen Züchter und Interessierten wieder an den alten Traditionen des Herdbuchvereins 'Vogtländisches Rotvieh' anzuknüpfen. Ihr Bestreben ist es, aus diesem Bestand, fußend auf den Grundlagen des Herdbuchvereins, der Rasse 'Vogtländisches Rotvieh' zu einer Wiedergeburt zu verhelfen. Unter den heutigen Bedingungen der praktischen Landwirtschaft im Vogtland könnte das vogtländische Rotvieh wieder eine Perspektive haben.

Folgend Faktoren sind Ansatzpunkte für den Einsatz dieser Tiere:

Dadurch, daß die Tiere dieser Rasse noch Erbanlagen im Dreinutzungstyp besitzen, wäre das vogtländische Rotvieh vorzüglich in der Landwirtschaft einsetzbar. Die Milchinhaltsstoffe und die berühmte Fleischqualität verbessern die Vermarktungsmöglichkeiten dieser Rasse.

Diese Gesichtspunkte hat das Sächsische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten erkannt. Es fördert mit Aufzucht- und Haltungsprogrammen die Verbreitung dieser Rasse ab 1993.

 

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