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Schwerpunkt - Rinder


Pustertaler Schecken


Eva Schwaab, Deggendorf

Pustertaler Schecken

Das Pustertaler Rind spielte im vergangenen Jahrhundert im Alpenraum eine wichtige Rolle. Ursprungsgebiet des Pustertaler Rindes ist das Pustertal im Tirolerischen. (In der mittelalterlichen Sagenwelt „ein Landstrich, in dem Dietrich von Bern gegen Lindwürmer, Riesen und Zwerge kämpfen mußte"). Das Pustertal erstreckt sich östlich und westlich der Stadt Bruneck in Südtirol/Italien.

Über die Abstammung der Rasse gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kaltenegger (1889) vermutet, daß die Rasse vom Eringer Rind abstammt, das mit den Wallisern nach Tirol gekommen und in den bestehenden Rinderschlag eingekreuzt worden sei. Durch genetische Untersuchungen konnte die Annahme, daß das Pinzgauer und das Tuxer Rind die nächsten Verwandten des Pustertaler Rindes sind, bestätigt werden (Pirchner, 1976).

Eigenschaften und Leistungen

Die äußeren Merkmale des Pustertaler Rindes entsprechen noch immer der Beschreibung, die vor 110 Jahren von W. Zipperlen in „Der illustrirte Hausthierarzt" für die „Tyroler-Racen" gegeben wurde: „...im Allgemeinen tragen sie jedoch die Eigenschaften der Gebirgsracen an sich und sind daher den Schweizerracen mehr oder weniger ähnlich; es sind kräftig gebaute

grobknochige Thiere von meist rothbrauner Farbe; sie eignen sich mehr zum Zug und zur Mastung, weniger als Milchvieh. Der Kopf ist kurz mit breiter Stirn und starken Hörnern der

Hals fleischig mit starker Wamme, die Brust und Kreuz breit, der Schwanz hoch angesetzt, die Haut dick."

Was Zeichnung und Farbe betrifft, besteht beim Pustertaler Rind eine große Variabilität. Es gibt sowohl rot- als auch schwarz gezeichnete Tiere. Neben fast weißen Tieren gibt es solche mit nur wenigen weißen Abzeichen. Die meisten Tiere sind vom Nacken über Rücken, Kreuz und Rückseite der Hinterhand weiß. Schwanz und Bauch sind immer weiß. Immer farbig sind die Ohren, sowie die Umgebung der Augen und des Flotzmaules. Klauenhorn und sichtbare Schleimhäute sind je nach Farbe des Tieres rot bzw. schwarz pigmentiert. Die farbigen Bereiche können von großen zusammenhängenden Farbplatten (Schecken) bis zu feinst verteilten Farbspritzern (Sprinzen) variieren. (Schedel, 1984)

Die Pustertaler übertrafen die verwandten Rassen an Gewicht. Sie waren der schwerste Rinderschlag im österreichischen Alpengebiet. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war die Ochsenmast im Pustertal ein wichtiger Produktionszweig (Paßler, 1987).

Die Milchleistung wurde von Kaltenegger als äußerst befriedigend beschrieben. Die besten Kühe wurden während der k.u.k. Monarchie an Meiereien nach Wien verkauft, was für die Zucht im Ursprungsgebiet nicht unbedingt günstig war. Für die heutigen Leistungsanforderungen ist die Milchmenge von ca 3000 kg/Jahr gering. Pustertaler Kühe erbringen diese Leistung jedoch ausschließlich aus Grundfutter und haben die Eigenschaft, die Milchmenge mit jeder Laktation (bis über 10) zu steigern und somit auf eine hohe Lebensleistung zu kommen.

Die in Deutschland gehaltenen Tiere werden überwiegend als Mutterkühe eingesetzt. Dabei treten ideale Eigenschaften wie Langlebigkeit, Leichtkalbigkeit, Vitalität der Kälber, spätes Aufeutern (3 Tage vor dem Kalben) und damit gute Eutergesundheit, hohe tägliche Zunahmen der Kälber bei ausschließlicher Grundfutterversorgung (400 - 500 kg beim Absetzen sind bei männlichen Tieren die Regel) und gute Fleischqualität zutage.

Situation im Ursprungsgebiet

Nur wenigen Züchtern in kleinen Seitentälern des Pustertales ist es zu verdanken, daß die Rasse bis jetzt nicht völlig verschwunden ist. Ende der zwanziger Jahre wurde von der zuständigen Tierzuchtbehörde verfügt, daß keine rotscheckigen Stiere mehr zur Zucht verwendet werden dürften. Nur schwarzscheckige Stiere durften von den Bauern zum Decken ihrer eigenen schwarzscheckigen Kühe eingesetzt werden. Alle übrigen Rinder mußten von Pinzgauer Stieren belegt werden. Dies führte zu einem raschen Niedergang der Rasse. Heute existieren noch etwa 80 Tiere in Südtirol. Im Sommer 1994 wurde vom Südtiroler Fleckviehzuchtverband eine Ausstellung der letzten Pustertaler Schecken organisiert. Sie sollen als Kulturgut in Südtirol wieder Beachtung finden und ihr Bestand soll durch Förderungsmaßnahmen gesichert werden. Zu diesen Maßnahmen gehört die Möglichkeit durch Spermakonservierung die künstliche Besamung durchzuführen. Dazu wird jedoch zur Blutauffrischung seit etwa 5 Jahren Sperma von einem Stier des Vogesenrindes eingesetzt. Die Verantwortlichen sind der Auffassung, daß die beiden Rassen identisch seien. Äußerlich gibt es gewisse Ähnlichkeiten, die jedoch keine Rückschlüsse über die wahren verwandtschaftlichen Verhältnisse der beiden Rassen zulassen. Die Tiere in Südtirol, welche Vogesenblut führen, unterscheiden sich hinsichtlich ihres Knochenbaues und ihrer Leistungen von den reinen Pustertaler Schecken. Die Sprinzenzeichnung ist bei dem Vogesenrind stärker ausgeprägt, was dem Schönheitsideal der Züchter in Südtirol entgegenkommt.

Bei den Züchtern in Südtirol handelt es sich fast ausschließlich um Betriebe ohne Hofnachfolger. Obwohl das Pustertaler Rind an sich ein wirtschaftliches Rind ist, ist es durch die Landwirtschaftspolitik und deren Folgen um seine Zukunft schlecht bestellt.

Situation in Deutschland

Um die Erhaltung der Pustertaler Schecken zu unterstützen, wurden von 1984 bis 1990 insgesamt 14 weibliche und 6 männliche Tiere von Mitgliedern der GEH nach Deutschland eingeführt. Diese Tiere wurden nach ihrer Stallherkunft in Zuchtlinien eingeteilt und möglichst unter Vermeidung von allzu enger Inzucht weitergezüchtet. Zur Zeit können in Deutschland (mittlerweile auch in den neuen Bundesländern) über 70 reinrassige Nachkommen dieser importierten Tiere registriert werden. Wie oben erwähnt, werden sie hauptsächlich als Mutterkühe eingesetzt. Zu einem kleinen Teil werden sie jedoch auch in Tiergärten gehalten. Es stehen Spermaportionen von 4 Stieren für die künstliche Besamung zur Verfügung. Weitere 13 Stiere sind im Natursprung im Einsatz. Ein Teil von diesen werden als Deckstiere in Milchviehbetrieben eingesetzt zur Erzeugung von Kreuzungstieren für die Mast. In drei Betrieben wird eine Verdrängungszucht mit Pustertaler Schecken auf rotbunten Rindern durchgeführt.

Zukunftsaussichten

Um das Pustertaler Rind langfristig zu erhalten, wäre ein Umdenken der Verantwortlichen für die landwirtschaftliche Entwicklung dringend notwendig. So dürften Ländergrenzen bei der Förderung der unter der gemeinsamen Verantwortung stehenden Kulturgüter nicht im Wege sein. Weiterhin wäre die Anlage eines gemeinsamen (länderübergreifend) alpinen Natur- und Kulturparkes eine Möglichkeit, den bedrohten Wild- und Nutztieren ein Überleben zu sichern.

 

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