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Schwerpunkt - Rinder


Das Hinterwälder Rind


Antje Feldmann, Witzenhausen

Das Hinterwälder Rind

Im Schwarzwald haben sich zwei Typen des charakteristischen Wälderviehs über viele Jahrhunderte entwickelt und bis in die heutigen Tage erhalten können. Die größeren, mehr im milchbetonten Zweinutzungstyp stehenden Vorderwälder sind auf den ganzen Schwarzwald verteilt. Die kleineren Hinterwälder konzentrieren sich auf ein relativ eng begrenztes Gebiet im südlichen Schwarzwald, zwischen Feldberg und Belchen.

Urgesteins- und Verwitterungsböden, rauhe klimatische Verhältnisse sowie steile Hanglagen bildeten die Grundvoraussetzung für die Entstehung des Hinterwälder Rindes, der kleinsten Rinderrasse Mitteleuropas. Die Hinterwälder sind temperamentvolle, zierliche Tiere, die in den steilen Hanglagen durch ihre festen Klauen und ihre Trittsicherheit, sowie durch das geringe Körpergewicht gegenüber anderen Rinderrassen deutliche Vorteile besitzen. An die Futterqualität stellen sie geringste Ansprüche. Die Allmendweiden des Schwarzwaldes haben in der Regel eine Hangneigung von 30%. Um täglich von den Ställen im Tal auf diese Weideflächen zu gelangen, müssen die Tiere meist bis zu 5 km Wegstrecke zurücklegen. Es ist erwiesen, daß der Futterverbrauch derHinterwälder gegenüber Fleckvieh und Rotbunten um ein Drittel geringer ist, um dieselbe Menge an Milch zu produzieren.

Das Hinterwälder Rind wird erstmals im Jahr 1829 erwähnt und ist als der besonders rein erhaltene Teil des badischen Landviehs anzusehen. Hinterwälder Ochsen waren früher wegen ihrer Gängigkeit, Ausdauer, Zähigkeit, harten Klauen hervorragende und beliebte Arbeitstiere. Aber auch gemästet war ihr Fleisch von allerbester Qualität.

Die Hinterwälder Rinder gelten als langlebig. Über 30% der Kühe sind älter als acht Jahre. 15-18-jährige Tiere sind keine Seltenheit. Das Gewicht der Kühe liegt bei 420 kg, das der Bullen bei 750 kg. Die mittlere Lebensleistung beträgt 3 500 kg Milch bei 4,2 % Fett und 3,7 % Eiweiß. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg betrug die Widerristhöhe bei den Kühen 115 cm, heute liegt ein Großteil der Tiere bereits bei 118-120 cm Widerristhöhe.

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen ernannte das Hinterwälder Rind zur 'Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 1992'. Exemplarisch sollte durch diese Wahl auf die Bemühungen der Züchter im Schwarzwald hingewiesen werden, denen es über 150 Jahre gelang, diese Rinderrasse nahezu eigenständig zu züchten, damit zu wirtschaften und zu erhalten.

Heute werden die Hinterwälder vom Rinderzuchtverband Baden-Württemberg betreut.

Es werden heute 2 000 Kühe und doppelt soviele Rinder gezählt, im Herdbuch sind 560 Tiere eingetragen. Nur etwa 15% aller Kühe werden künstlich besamt, auf den Betrieben stehen insgesamt 45 Deckbullen. Von über 30 Bullen sind etwa 20 000 Portionen Sperma vorrätig. Zur Verringerung der Inzuchtzunahme ist es notwendig, die Anzahl der im Einsatz befindlichen Bullen möglichst hoch zu halten.

Die Schweizer Stiftung Pro Specie Rara kaufte ab dem Jahr 1981 Tiere dieser Rasse zur Beweidung steiler Bergflächen auf; es sollte zudem ein Genpool dieser Rasse außerhalb des ursprünglichen Verbreitungsgebietes geschaffen werden, um bei Ausbruch von Seuchen eine lebende Reserve zu haben.

Auch außerhalb des Südschwarzwaldes beweisen die Hinterwälder in zunehmendem Maße ihre Eignung zur Beweidung extensiver steilerer Hanglagen. So finden sich auch in Hessen engagierte Züchter, die z.T. hängige Streuobstwiesenbestände mit ihren Tieren vor der Verbuschung bewahren und in den Hinterwäldern die dafür prädestinierte Rinderrasse in Hinblick auf geringe Erosionsschäden durch leichtes Körpergewicht, Genügsamkeit und Trittsicherheit gefunden haben.

Die Aufgaben der Hinterwälder lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

Milch- und Fleischleistung, Mutter- oder Ammenkuhhaltung, Erzeugung in naturnaher Produktion, Erhaltung als Kulturgut und Genreserve und Erhaltung des typischen Landschaftbildes für Natur und Mensch.

Die gute Qualität des Hinterwälder Fleisches ist seit langer Zeit bekannt. Die tägliche Zunahme der Jungbullen beträgt ca. 900 g. In der Mutterkuhhaltung, die auch im Bereich der Hinterwälder ZüchterInnen zunehmende Anhänger findet, liegen die Werte entsprechend.

Die Vermarktung der Produkte des Hinterwälder Rindes wird seit 1991 über ein eigenes Vermarktungsprogramm vorangetrieben. Das Fleisch wird mit einem geografischen Herkunftszeichen versehen, dies unterstreicht die Besonderheiten des Hinterwälder Fleisches. Das Warenzeichen darf nur von einem bestimmten Personenkreis benutzt werden. Der Absatz erfolgt über eine bereits bestehende Erzeugergemeinschaft in Freiburg. Problematisch gestaltet sich die kontinuierliche Belieferung mit Hinterwälder Fleisch. Auch in anderen Bereich, wie z.B. beim Rhönlamm zeigt sich, daß erfolgreich begonnene Vermarktungskonzepte häufig daran scheitern, daß die Produktmenge nicht über das ganze Jahr hinweg garantiert werden kann und somit Lücken bei der Belieferung entstehen.

Die Staatliche Förderung zur Erhaltung dieser Rinderrasse ist an das Baden-Württembergische MEKA-Programm (Marktentlastung und Kulturlandschaftsausgleich) gekoppelt. Hieraus ergibt sich eine Finanzhilfe von DM 200,- (je nach Standort auch höher).

Es muß angemerkt werden, daß es auch innerhalb der Rasse der Hinterwälder zu einer Aufspaltung und Veränderung des ursprünglichen Typs kommt, sobald die Mutterkuhhaltung die Hauptnutzungsrichtung darstellt. Häufig werden die Merkmale, die eine Milchkuh ausmachen zu stark in den Hintergrund gedrängt. Es wäre wichtig, eine Ausgewogenheit der Nutzungsrichtungen zu erreichen.

 

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